Inspirationen

Angefangen hat alles damit, dass ich für meine beiden Kinder eine kurze Geschichte schreiben wollte, um ihnen für einen grossen Schritt Mut zu machen: den Eintritt in die erste Schulklasse. Es sollte um ein Mädchen gehen, das sich in einer schwierigen Situation befindet und es schafft, mit Mut, Einfallsreichtum, einer Portion Störrigkeit und der Hilfe von Freunden, den Gefahren zu trotzen und ihren eigenen Weg zu gehen.

Claire Bruebacher war geboren, nahm am Wettbewerb des Königs teil und gewann diesen. So weit, so gut.

Dann habe ich unseren Freund Dorian Iten gebeten, ein Cover für diese Kurzgeschichte zu skizzieren. Ich wusste, dass er in einer halben Stunde locker etwas Tolles machen kann. Und damit hat das Ganze eine unerwartete Wendung genommen… Dorian las den Text, sagte mir, ich solle weiter schreiben und hat angefangen über einen illustrierten Roman für Kinder nachzudenken.

Da sind plötzlich ganz viele Menschen aufgetaucht, die auch „mitmachen“ wollten: Tara, die Kräuterkundige und Freundin von Claire; Tibor, der schweigsame junge Mann aus dem Norden; der legendär biestige Monsieur Jean-Louis Duport, genialer Komponist und Tanzmeister; die alte Lumpenfrau Andraina, die den Verlauf des Abenteuers entscheidend beeinflussen wird; der stolze und machthungrige Reitmeister Friedrich Junghans; die Falknerin Angèle und dann natürlich Barrato von Sierentz, der geheimnisvolle Bogenmeister.

Dorian hat im Zug von Cham nach Bern eine erste Skizze von Barrato angefertigt und ich habe gestaunt. Ach so, der ist ja ganz anders als ich zunächst gedacht habe … weniger selbstbewusst, in seinem Gesicht sehe ich Zweifel und auchTraurigkeit, da sind Risse in seinem Leben, die ich noch nicht kannte. Die Geschichte musste sofort umgeschrieben werden!

Und ich habe angefangen, über die historische Epoche des 17. Jahrhunderts zu recherchieren. Was haben die armen Leute damals gegessen? Dabei bin ich zum Beispiel auf einen Lehrlingsvertrag gestossen, der in allen Details auflistet, was einem bestimmten Lehrling an Kost zur Verfügung zu stellen ist. Unter anderem hatte er Anrecht auf ein bestimmtes Mass an Safran, was ja auch heute noch ein Luxusprodukt ist. Wie haben die einfachen Bauern damals gewohnt? Wo war das WC? Gab es das überhaupt? Und die Adligen? Wie haben sie sich gekleidet? Und warum gab es am Königshof so merkwürdige Rituale wie „das Hemd“? Ich habe Freunde ausgefragt, die sich mit historischen Textilien auskennen, mit Barocktänzen und der damaligen Musik. Was ist eine Bourrée? Wie wurde das getanzt? Ich habe einen ganzen Haufen Bücher gelesen: von Albert Hausers Sozial- und Wirtschaftsgeschichte über Norbert Elias Soziologie des Königshofs zu einem Werk über Barocktänze von Karl Heinz Taubert. Daraus nun ein kurzes Zitat:

„Bey la belle Danse (Courante, Menuett, Bourrée u.a.), denen doucen Fundamental- und niedrigen Kammer-Täntzen, sie mögen gleich Nahmen, Figuren und Pas haben, wie sie immer wollen, wird so wol beym Anfange als Beschluss eine doppelte Hinter-Reverence, als: die erste vor die sämmtlichen Zuschauer, und die andere vor die mittantzende Person gemacht …“ (G. Taubert, 1717; zit. Taubert, K. H., 1986, S. 95).

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Aus „Barock-Tänze, Taubert 1986“

Ich habe auch Wikipedia genutzt, um herauszufinden, wie damals Pferde gehalten wurden, wie ein königlicher Marstall aufgebaut ist, wie viele Zimmer so ein Schloss wie Versailles hat und welche Haustypen in den Dörfern auf dem Land vorherrschten.

Und da waren noch meine Kinder, die von Anfang bis zum Schluss des Projekts enorm wichtig waren. Ich habe ihnen das Buch vorgelesen, sie haben mich auf Unverständliches aufmerksam gemacht, haben nachgefragt und kritisiert, was ihnen nicht logisch erschien. Und an einem verregneten Tag in diesem schrecklich kalten und nassen Sommer 2014 haben sie beschlossen, die Geschichte von Claire Bruebacher zu verfilmen. Ich bekam den Befehl zu filmen, alles andere haben sie bestimmt und übernommen. Sie filmten eine Tanzszene (zu Originalmusik von Jean-Louis Duport, den gab es nämlich wirklich), einen Schwertkampf und ein Gespräch zwischen Claire und Tara beim Frühstück. Ich habe gestaunt und wir haben viel gelacht…